1,2 Millionen – was hinter der großen Entlassungswelle wirklich steckt

von

in

Am 26. Februar 2026 schrieb Jack Dorsey auf X, dass Block – das Unternehmen hinter Square und Cash App – 4.000 von 10.000 Stellen streicht. Begründung: KI. Und dann kam der Satz, der mich beschäftigt hat:

Within the next year, I believe the majority of companies will reach the same conclusion and make similar structural changes.

Ich glaube, dass die Mehrheit der Unternehmen innerhalb des nächsten Jahres zu demselben Schluss kommen und ähnliche strukturelle Veränderungen vornehmen wird.

Das ist keine Unternehmenskommunikation. Das ist eine klare Ansage über das, was gerade systematisch beginnt.

Die Zahl, die du kennen solltest

Eine belastbarste Quelle für Entlassungsankündigungen in den USA ist Challenger, Gray & Christmas – eine Outplacement-Firma, die seit 1989 monatlich erfasst, wie viele Stellen Unternehmen offiziell ankündigen zu streichen. Primärdaten, keine Hochrechnung.

Das Ergebnis für 2025: US-Arbeitgeber kündigten 1.206.374 Stellenstreichungen an – 58 Prozent mehr als 2024, der höchste Wert seit der Pandemie 2020.

Hier ist eine Einschränkung wichtig: Rund 294.000 dieser Entlassungen gehen direkt auf DOGE zurück – den staatlichen Kahlschlag der Trump-Administration im Bundesapparat. Weitere 21.000 treffen private und gemeinnützige Organisationen, die Bundesförderung verloren haben. Das sind zusammen rund 26 Prozent der Gesamtzahl – politisch verursacht, in Europa nicht replizierbar.

Was bleibt: knapp 900.000 Entlassungen im privaten Sektor – immer noch rund 40 Prozent über dem Vorjahr. Gleichzeitig kündigten Arbeitgeber nur 507.647 neue Stellen an – der niedrigste Wert seit 2010. Die Schere öffnet sich: Entlassungen auf Rekordniveau, Neueinstellungen auf 15-Jahres-Tief.

Ich sage das nicht, um Stimmung zu machen. Ich sage es, weil ich diese Zahlen zum ersten Mal aufgeschlagen habe und dachte: Das sieht niemand, solange der Gesamtarbeitsmarkt noch stabil aussieht.

Das Paradox, das kaum jemand erklärt

Die US-Arbeitslosenquote lag im Januar 2026 bei 4,3 Prozent. Klingt stabil. Der Arbeitsmarkt wuchs noch um 130.000 Stellen im Monat. Aber darunter zeigt sich ein anderes Bild.

Die Langzeitarbeitslosen stiegen auf 1,8 Millionen – 386.000 mehr als ein Jahr zuvor. Die offenen Stellen sanken im Dezember 2025 auf 6,5 Millionen, ein Rückgang von fast einer Million innerhalb eines Jahres.

Das Muster: Wer einen Job hat, behält ihn vorerst. Wer ihn verliert, findet schwerer einen neuen. Das Fundament bröckelt, während die Fassade noch steht.

Und dann kam der Januar 2026, noch vor Blocks Ankündigung: 108.435 Stellenstreichungsankündigungen – der höchste Januar-Wert seit 2009, dem Jahr nach der Finanzkrise.

KI als Entlassungsgrund – was die Daten wirklich zeigen

Auf KI wurden 2025 insgesamt 54.836 Stellenstreichungen zurückgeführt – seit 2023 kumuliert 71.825. Bei 1,2 Millionen Gesamtentlassungen sind das gerade einmal 4,5 Prozent.

Das ist der Teil, bei dem ich aufgehört habe zu lesen… und neu angefangen habe.

Meine Einschätzung: Die 4,5 Prozent sind nur der sichtbare Teil. Viele dieser Entlassungen hätten ohnehin stattgefunden – das pandemische Übereinstellen der letzten Jahre wird jetzt korrigiert. KI liefert dafür einen bequemen Rahmen, der den Aktienkurs stützt. Die Börse hat Blocks Ankündigung im After-Hours-Handel am 26. Februar 2026 mit einem Kurssprung von mehr als 23 Prozent belohnt. Wer das beobachtet, versteht, welches Signal dieser Mechanismus sendet.

Das macht die Entwicklung nicht harmloser. Es macht sie schwerer zu lesen und leichter zu unterschätzen.

Was in den Statistiken noch kaum sichtbar ist: die strukturelle Wirkung, die erst entsteht, wenn Unternehmen nicht mehr einstellen, weil Aufgaben wegfallen – nicht, weil sie entlassen. Dorsey beschreibt genau das. Block ist heute der Vorbote, nicht der Ausreißer.

Was du damit anfängst

Die USA treiben KI-Implementierung derzeit intensiver voran als jede andere Region – mit dreistelligen Milliarden-Investments in KI-Infrastruktur. Was dort heute passiert, erreicht Europa heute schneller als früher. KI-Modelle kennen keine Landesgrenzen. Regulierung, Kapitalmarktdruck und Arbeitsrecht dämpfen das – aber dieser Puffer wird dünner.

Das Erste, was ich dir empfehle: Mach eine ehrliche Bestandsaufnahme. Nicht als Gedankenexperiment. Setz dich wirklich hin und schreib auf, welche deiner Aufgaben KI heute schon genauso gut erledigt wie du. Standarddokumentation, repetitive Kommunikation, Informationsverarbeitung – das steht strukturell unter Druck. Die entscheidende Frage ist nicht, ob dein Job verschwindet. Sondern ob du deine Rolle so weiterentwickeln kannst, dass du das übernimmst, was KI nicht kann: Urteilsvermögen, Kontext, echte Beziehungsarbeit. Das klingt abstrakt, bis man es aufschreibt – dann wird es sehr konkret.

Das Zweite: Werde Anwender, nicht Zuschauer. Die relevantesten Werkzeuge sind heute für jeden zugänglich. ChatGPT und Claude für Texte, Recherche und Analyse. GitHub Copilot für Code. Perplexity für Suche. Die meisten haben kostenlose Einstiegsversionen. Wer diese Werkzeuge aktiv nutzt, versteht, was sie können – und entwickelt ein Gespür dafür, was nicht. Wer wartet, verliert den Maßstab.

Das Dritte ist politisch, nicht technisch: Die Frage, wer von KI-Produktivitätsgewinnen profitiert, entscheidet sich nicht im Labor. Welche Berufsgruppen werden aufgefangen? Wer trägt die Kosten des Übergangs? Nicht jeder kann Lobbyist sein. Aber jeder kann informiert abstimmen, Positionen von Parteien und Arbeitgeberverbänden hinterfragen. Das ist mehr, als die meisten tun.

Meine Perspektive

Ich beobachte das nicht aus der Distanz. Ich nutze KI täglich. Und ich merke, wie sich mein Arbeiten verändert. Nicht weil ich muss. Weil ich früh genug verstanden habe, was passiert, wenn man wartet, bis der Druck von außen kommt: Dann entscheidest du nicht mehr selbst.

Ich habe in meinem Artikel über Meaningful Work im KI-Zeitalter beschrieben, warum Arbeit mehr ist als Einkommen – Struktur, Identität, Teilhabe. Genau das steht jetzt auf dem Spiel. Nicht abstrakt. Für 1,8 Millionen Langzeitarbeitslose in den USA gerade sehr konkret.

Fazit

Block ist ein börsennotiertes Fintech-Unternehmen. Vier Tausend Entlassungen für sich genommen sind kein historisches Ereignis. Aber Dorsey hat mit einem Satz beschrieben, was dieser Moment bedeutet: Der Mechanismus funktioniert, er ist sichtbar, er korrigiert sich nicht von selbst.

Das unbequeme an dieser Entwicklung ist nicht die Zahl. Es ist, dass sie auf einem funktionierenden Arbeitsmarkt passiert und trotzdem beginnt, ihn von innen auszuhöhlen. Der Moment, in dem das sichtbar wird, ist meistens der Moment, in dem es zu spät ist, sich vorzubereiten.

Dieser Artikel gibt meine persönliche Einschätzung wieder und stellt keine Anlage- oder Berufsberatung dar.

Quellen:


Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert